Seensucht






Irkutsk


 


Transsibirische Träume

Sibirien scheint mir von Berlin aus näher als von St. Petersburg. Geografisch gesehen ist es Quatsch, und trotzdem: Wenn ich das Wort „Sibirien“ in eine Berliner Kneipenrunde streue, ernte ich Sehnsuchtsseufzer und Vorträge über weite Landschaften. Ich kenne sechs Deutsche, die mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs waren. Einem Russen, der sich zum Spaß reingesetzt hat, bin ich bisher nicht begegnet. Meine Freundin Anja versteht nicht, warum ich acht Tage meines Lebens freiwillig im Zug verbringen will. Genauso gut könne man fliegen. Am besten in die Sonne.

Schon vor der Reise argumentierte mein russischer Vater meine transsibirische Träume nieder. Ich sagte: „9288 Kilometer Zugstrecke zwischen Moskau und Wladiwostok! Neun! Tausend! Zweihundertachtundachtzig! Kilometer!“ Er sagte: „9288 Kilometer inmitten ungeduschter Menschen, die du dir nicht selbst ausgesucht hast.“ Ich sagte: „Es ist eine Reise zu mir selbst!“ Er sagte: „Warum glaubst du immer, möglichst weit fahren zu müssen, um bei dir anzukommen?“

„Aber die Teeglasuntersetzer“, sagte ich. Ich möchte von der Schaffnerin Schwarztee mit diesen wunderschön geschwungenen Teeglasuntersetzern serviert bekommen, die es in russischen Zügen gibt. Dieses Argument würdigte Papa nicht einmal mit einem verbalen Gegenschlag. Augenrollen, Ende des Gesprächs. Andererseits: Warum sollte man auch über Teegläser reden. Es fährt ja auch niemand wegen der mobilen Brezelverkäuferin durch Deutschland.

Oscar-reifer Fensterscheibenfilm

Am Ende wird es ein Kompromiss zwischen Russromantik und Russrealität. Ich fahre einen Tag lang die transsibirische Strecke zwischen den Stationen Taiga und Irkutsk. Von dort aus ist es nicht weit zum Baikalsee. Und Baikalsee-Sehnsüchte sind universell nachvollziehbar, sogar für Papa.

Die ersten Stunden im Zug arbeite ich hart dran, Spaß zu haben. Der Tee beschäftigt mich genau eine halbe von den bevorstehenden 25 Stunden. Das Gespräch mit den Mitbewohnern des Zugabteils „klebt sich nicht“, wie man in Russland sagt. Ich hatte vergessen, Bücher aus dem Rucksack zu holen, bevor ich ihn unter der unteren Zugkoje verstaute. Jetzt schnarcht ein Opa darauf.

Bleibt nur das Fensterkino. Die Musik auf den Ohren wird zum Soundtrack der Landschaft: saftige Wiesen, himmelhohe Wälder und hier und da sibirische Holzhäuschen. Der Film hinter der Zugfensterscheibe ist durchaus Oscar-reif. Leider kommt es mir nach drei Stunden vor, als liefen ständig Wiederholungen.

Irgendwann hält der Zug, ich steige aus, um etwas Luft zu schnappen. Auf dem Bahngleis unterhält sich ein Amerikaner mit der Schaffnerin. Dass ihre Sprachkenntnisse keine Schnittmengen aufweisen, bremst die Unterhaltung nur minimal. Der Amerikaner spricht Englisch mit der festen Überzeugung, dass er verstanden wird, wenn er seine Sätze oft, laut und deutlich wiederholt. Die Schaffnerin steht ihm in nichts nach.

Miss Verständnis in Schaffneruniform

„You… kem rabotaesch?“, fragt sie. Also: Als was arbeitest du?

„Sorry, I don’t understand“, sagt er und lacht.

„Rabotat‘!“, wiederholt sie und schlägt zu Veranschaulichungszwecken ihre rechte Faust auf die linke. „Rabotat‘, tuck-tuck!“, hilft sie lautmalerisch nach. Tuck-tuck ist das Geräusch, mit dem russische Kinder Bauarbeiten beschreiben.

Der Blick des Amerikaners bleibt verständnisleer wie bei einer Porzellanpuppe.

„Me… tuck-tuck provodniza“, erklärt sie geduldig und deutet auf ihre Schaffneruniform. „You tuck-tuck?“ Die Schaffnerin schlägt abwechselnd die Fäuste aufeinander, zeigt auf sich und auf ihren Gesprächspartner.

Der Amerikaner versteht.

„No, no! Thank you!“, sagt er und guckt plötzlich zur Zugtür.

Die Schaffnerin versteht, was er verstanden hat und fuchtelt mit den Armen. Lachend hält sie ihn am Pullover fest und wechselt vorsichtshalber das Thema.

„You many… let skolko?“, fragt sie. „Me – 25“, sagt sie, zeigt auf sich und untermalt ihr Alter mit Fingern.

„25 what? What for?“, der Amerikaner schüttelt energisch den Kopf und will wieder in den Zug steigen.

„Idiót!“, sagt sie auf Russisch.

„Idiot“, wiederholt er freudig.

„Aha“, sagt sie. „Idioti internationalnije.“

„Yes, idiots are international“, sagt er. Sie lachen. Er bleibt.

Kaltes, klares Wasser – fast

Vielleicht fährt man deshalb so weit, um die Bestätigung zu finden, dass wir alle gleich sind. Im arktischen Murmansk, im ukrainischen Odessa und im sibirischen Tomsk reden Mädchen über Jungs und Jungs über Mädchen. Sie machen sich Sorgen über Abschlüsse und Aufnahmeprüfungen. In den Schränken meiner Gastgeberin entdeckte ich Bücher, die auch ich gelesen habe. In ihrer iTunes-Bibliothek fand ich Bands, deren Konzerte ich in Berlin besuchte. Meine Irkutsker Gastgeberin Nina und ich haben die gleichen Schuhe, sie liest „Extremely Loud and Incredibly Close“ – das Buch hat mir ein New Yorker Freund für die Reise geschenkt.

Außer mir ist der Italiener Paolo bei ihr zu Besuch. Sein Pass ist mit russischen Visa zugekleistert. Paulo kann nicht erklären, warum er immer wieder zurückkehrt. „Es ist wie ein Magnet“, sagt er. Inzwischen ist er zum siebten Mal in Russland. In Sibirien ist er wie ich zum ersten Mal.

Wir fahren mit dem Bus zum Örtchen Listwjanka am Baikalsee. Die Russen nennen ihn nicht umsonst das „heilige Meer“. Seine Schönheit reduziert meinen Wortschatz auf ein begeistertes Grunzen. Paolo springt sofort hinein. Nina und ich tauschen an einem Stand meinen selbstgeflochtenen Blumenkranz gegen geräucherten Omul – der bekannteste Fisch des Baikalsees. Die Verkäuferin bietet auch Cola an, aber ich nehme nur Plastikgläser. Der Baikalsee ist ein wichtiges Süßwasserreservoir, es soll sauerstoffreich und gut bekömmlich sein. Da trinke ich keine Cola!

Der Baikalsee schmeckt super und ist bestimmt kühler als ihre Softdrinks. Zwei Russen, die seit 15 Minuten hüfttief im Wasser stehen und sich nicht trauen loszuschwimmen, bescheinigen das im derben „Mat“ – also recht vulgären Kraftausdrücken, die je nach Kontext Fluch sein können oder einfach Emotionsüberschuss. Einer der Männer formt mit blauen Lippen Sätze, vollgestopft mit verschiedenen Begriffen für Geschlechtsteile, Hunde, Prostituierte und Mütter. „Zensierter Ausdruck es ist so zensierter Ausdruck kalt, dass ich nicht mal pissen kann.“ Darauf der andere: „Wirklich? Ich schon.“ Das Baikalwasser schmeckt plötzlich nur noch halb so gut.

Tomsk

 


 


 

 

 





Omsk

ура! я могу писатъ по Pусски!

шср лфтт фга Кгыышыср ешззут … Äh, sollte heißen: ich kann auf Russisch tippen!

Ich habe mir gestern endlich  kyrillische Tastaturaufkleber gekauft! Jetzt müsste nur die Umschaltung von Deutsch auf Russisch reibungsloser laufen, dann klappt das auch mit der doppelten Identität.

Vielen Dank auch an die Kommentatoren, die mir zu translit.ru und ähnlichen Seiten geraten haben. Damit habe ich zum ersten Mal in meinem Leben  eine durch und durch russische Email an meinen Vater geschrieben! Und das fast halb so schnell, wie meine 11-jährige russische Schwester!

Und trotzdem: Dieser Segen tut etwas weh.

Es ist ein bisschen wie mit dem Rauchverbot in Clubs, die nun nach Körperausdünstungen und schalem Bier riechen.

Ich kann niemandem mehr mit Aber-Ich-Habe-Doch-Keine-Tastatur-Ausreden Rauch ins Gesicht blasen. Auch mir selbst nicht. Ich muss feststellen: Meine russische Rechtschreibung stinkt zum Himmel. Sie wurde ja seit über 12 Jahren nicht mehr benutzt, geschweige denn geupdatet. Die russische Schwester ist mir da um Längen voraus. Sie hatte gestern ihren sechsten „ersten Schultag“ – der in Russland immer am gleichen Tag gefeiert wird. Und ich, ich hatte mit den Tastaturaufklebern auch eine Art ersten September, пер-во-е  сен-тя-бря!

(Auf dem Bild sind zwar weder die Schwester, noch ich, zu sehen, wir wurden am ersten September aber ähnlich geschenkartig verpackt. Quelle: Archiv)

Schwing den Feger!

Tante Nadja hält, was sie verspricht: Unter den Plastikborsten ihrer Motschalka schwinden alle Krankheiten und Sorgen, der Dreck einer einmonatigen Reise, alle Pickelchen und Hautmacken. Leider aber auch die obere Epidermis. So muss sich eine Teflonpfanne fühlen, die mit Stahlwolle abgeschrubbt wird.

„Wer schön sein will, muss leiden“, sagt Tante Nadja und fängt mich mit der langen Motschalka ein – einem länglichen Schwamm mit zwei Schlaufen für die Hände. Jetzt stehen wir Nase an Nase unter der Dusche. Ich kann weder vor noch zurück: Sie hat mich quasi an ihren Bauch geschnallt. Immer wieder ratscht es von links nach rechts über meinen Rücken, als würde Tante Nadja mich in der Mitte durchsägen.

Ich bin im sibirischen Tomsk und zum ersten Mal in einer öffentlichen Banja. Zuvor dachte ich: Schwitzen ist kulturübergreifend gleich. Und doch liegen Welten zwischen der russischen Banja und der finnischen Sauna, die meist in Deutschland benutzt wird. Dabei unterscheiden sich die beiden äußerlich kaum voneinander – bloß dass in der slawischen Variante Männer und Frauen eher unter sich und in nassem Dampf schwitzen.

Allerdings unterscheidet sich die Motivation der Besucher: Die deutsche Sauna stärkt die Abwehrkräfte und verbessert das Hautbild. Die russische Banja auch – aber das ist nur Nebenwirkung. Hauptsächlich dient sie als Kulisse, in der man Seelen ausschüttet und sogar Geschäftsgespräche führt. In Deutschland schmort jeder still im eigenen Saft. Die Banja schweißt Freund wie Feind zusammen – und wie ich jetzt weiß, auch gänzlich Unbekannte.

Mit Captain Hook in der Banja

Eine halbe Stunde vorher beobachtet eine dralle Frau mit dem Gesicht einer gealterten Porzellanpuppe, wie ich die Vorhalle der Banja mit dem Fotoapparat dokumentiere: die Bierflaschen, die Besucher zur zusätzlichen Entspannung kaufen können. Die lustigen Frottee-Babydolls und natürlich die Banja-Feger, also getrocknete Äste. Die Russen weichen sie im Wasser ein, um sich damit in der Banja auszupeitschen. „Paparazzi?“, fragt mich die Frau.

Sie stellt sich als Nadeschda vor, ich soll sie aber Tante Nadja nennen, das täten alle. Als ich klein war, waren fast alle Erwachsenen, Tanten, Onkels, Opas und Omas. Nur Lehrerinnen musste ich mit Vornamen und Vatersnamen ansprechen. Einen Nachnamen hatten für mich früher nur Popstars und der Präsident.

Früher arbeitete Tante Nadja als Krankenschwester. Als Rentnerin hat sie nicht viel Geld, einen Banja-Besuch leiste sie sich trotzdem einmal die Woche. Das erzählt sie mir, während wir die knarrende Holztreppe zur Umkleidekabine hinaufsteigen. Das Treppenhaus ist dunkel und riecht modrig, unter der Tür der Umkleidekabine kommt ein bisschen Dampf hinaus. Quietschend geht die Tür auf, ein dunkler Umriss… es ist: Captain Hook!

Vor Schreck greife ich Tante Nadjas Hand. Ein paar Stufen später erkenne ich, dass Captain Hook eine Banja-Mitarbeiterin ist, die einen riesigen Haken in der Hand hält. Mit diesem öffnet sie die Holzspinds und kratzt sich manchmal am Rücken.

Philosophieren bei über 100 Grad

Ich versuche, alle Bewegungen der Damen in der Umkleide zu kopieren. Man muss trotzdem kein Genie sein, um mich als Fremde inmitten der Rentner zu identifizieren. Es ist ungefähr so schwer wie: Banane, Mango, Apfel, Rasenmäher. Finde den Fehler! Das einzige, was ich äußerlich mit den üppigen Matronen gemeinsam habe, ist mein Jutebeutel, den ich aus Berlin mitgebracht habe.

Ansonsten fehlt es mir an Equipment. Jede Rentnerin ist mit Thermoskanne ausgerüstet und Einmachgläsern mit Plastikkappe, in denen sich Honig und saure Milch befinden oder gänzlich undefinierbare Substanzen. „Zum ersten Mal in der Banja?“ Tante Nadja fängt meinen fragenden Blick ab. „Komm, ich bring’s dir bei“, sagt sie, jagt mich unter die Dusche und fängt an zu schrubben.

Weich gerieben und empfindlich wie ein frisch gepelltes Ei sitze ich danach in der Banja, unfähig mich von der Stelle zu rühren. Ich schiele mit Ehrfurcht auf den eingeweichten Banja-Feger, mit dem Tante Nadja mich auspeitschen will. Der ist aber erst später dran. Zuerst muss ich mich aufwärmen.

Tante Nadja kippt etwas Birkensud auf die heißen Steine. „Das ist ja unaushaltbar heiß!“, schimpft eine Grauhaarige. „Es scheint dir nur so“, antwortet Tante Nadja. „Ist nicht alles in diesem Leben Schein?“, sagt eine Dame in einer Frottee-Haube. Ich nehme an dieser Diskussion nicht teil, ich bin damit beschäftigt, lebenserhaltende Körperfunktionen am Laufen zu halten.

Danach lässt Tante Nadja den Feger an meinem Körper spazieren. Es heißt, es regt die Durchblutung an. Um mich von der Hitze abzulenken, versuche ich mich darauf zu freuen, dass ich einen weiteren Punkt von meiner Noch-Nie-Liste abhaken kann. Dort stehen Dinge, die ich noch nie in ihrer russischen Ausführung gemacht habe. Ich habe noch nie auf Russisch geflucht. Ich hatte noch nie einen russischen Kater. Ich war noch nie auf einem russischen Date, auf einem russischen Amt oder in einem russischen Club. Aber jetzt immerhin in einer russischen Banja.

Zurück im Duschraum. Drei Rentnerinnen haben sich um das Shampoo und die Haarspülung versammelt, die ich in der Dusche vergessen habe. Eine liest Silbe für Silbe die Aufschriften vor – sie hat Deutsch in der Schule gelernt. „Bi-o-Bren-ness-el und Bi-o-Ca-len-du-la. Bi-o-Ho-nig und Bi-o-man-del.“

„Was ist denn dieses Bi-o?“, fragt die Dame. Ich nenne ihr ein paar Richtlinien: Natürliche Inhaltsstoffe, schonende Herstellung, umweltfreundlicher Anbau aus erneuerbaren Ressourcen. „Ach“, sagt sie ziemlich unbeeindruckt. „Und was kostet das?“ Der Preis lässt die gesamte Gruppe zischen. „Aiaiai, die ziehen euch aber ab da drüben! Davon kann ich mich eine Woche lang ernähren“, sagt eine und schleppt ihr Einmachglas herbei. Ich soll mir den Kopf mit ihrem Brennesselsud waschen. Die zweite schlägt vor, mir Locken mit Bier einzudrehen. Eine andere bringt eine Marmeladendose mit einem Honig-Ei-Gemisch aus eigener Herstellung, für besseren Haarwuchs. „Keine Sorge, das ist ganz sicher aus erneuerbaren Ressourcen“, sagt sie. „Kommt von meinen Hühnern.“

Sei kein Loch, sei Lohas!

Deutsche Wörter einzurussischen kann gefährlich sein!

Im Zug erzählt mir ein Paar von ihrem Leben. Beide haben im Ausland studiert, beide tragen Tod’s und Iphonehörer in den Ohren. Sie machen jeden Morgen Joga, bauen ihr Gemüse selbst an, essen kein Fleisch und lassen sich Bio-Kosmetik aus dem Ausland mitbringen.

– Aha, ihr seid Lochi!, sage ich und meine damit die russische Pluralform von Lochas, also Menschen die nach dem Prinzip des Lifestyles of Health and Sustainability leben.

– Nun werde nicht ausfällig!, sagt der Mann, urplöztlich sehr beleidigt.

– Wenn Du nicht mit unserer Lebensweise einverstanden bist, brauchst Du uns trotzdem nicht beleidigen.

Ich beteure, dass ich sehr wohl einverstanden bin. Es dauert ein Weilchen, dann finden wir den Fehler. Im Russichen ist Loch eine Bezeichnung für einen naiven Idionten, der sich von allen auf den Arm nehmen lässt und sich selbst nicht verteidigen kann.

 

 

 

Sotschi wants you!

Für die Olympischen Spiele in Sotschi werden mehr als 25.000 internationale Ehrenamtliche gesucht. Sie werden in Ausbildungszentren in Russland geschult, die schon im Februar 2011 eröffnet wurden.

Deutsche Freiwillige werden erst 2012 rekrutiert. Ein Franzose ist aber schon fleißig mit dabei. Und ich habe auch schon mitgeholfen. Nele, eine meiner Gastgeber in Sotschi ist für die Ehrenamtlichenkoordination der Olympischen Spiele zuständig. Auch mich hat sie als Volunteer eingespannt: Ich habe Flyer bei einem Balettabend des Mariinski Theater  in Sotschi Flyer verteilt.

Anmachen, Part II (Am Strand von Odessa)

Ein ledriger Greis, mit einer von Sonne und Salz gegerbter Haut,  prustet neben mir im Wasser, kommt kaum hinterher, hält trotzdem mit und erzählt mit zwischen den Schwimmzügen die Geschichte von Odessa – vor allem die Schlüpfrigkeiten, wie die Affäre von De Ribais und der die Kaiserin Ekatherina, die ja, hihi, ein ordentliches Stück war.

Ich lausche mit offenen Mund, in den sich inzwischen ein paar Lieter Meerwasser gespült haben, samt anderem Strandquatsch. Dann muss ich mich beeilen, um Robert und Joe vom Flughafen abzuholen. Der Opa sagt: Zum Schluss müssen Sie in unter den Süßwasser-Studel, dann müssen Sie nicht mehr zu Hause duschen.

Der Steinweg zum Strudel ist glitschig, der Opa hält mich bei der Hand, was mir etwas unangenehm ist, aber er hat Recht, anders würde ich wirklich hinfallen. Der Studel ist eine Art Wasserfall, der mit so einr Wucht aus einem Rohr hinaus strömt, dass man sich mit beiden Händen an einer Eisenkette festhalten muss, um nicht auszurutschen. Der Opa nimmt die Kette in die Hand und duscht unter de sichtlich vergnügt. Jetzt  bin ich dran. Mit beiden Händen halte ich mich an der Kette fest, stelle mich unter den Strahl… der sofort mein Bikinioberteil wegspült.